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BZ Artikel über Schwimmkurse für Geflüchtete

Foto: Philipp Ziebart/BestPixels.de
Foto: Philipp Ziebart/BestPixels.de

Die Naturfreundejugend setzt ihre Integrationsarbeit fort, unterstützt vom Förderverein Badezentrum Gliesmarode und dem Schwimmsportteam. Als Hamze Abdi um 6 Uhr früh an der Küste Libyens in ein Schlauchboot steigt, weiß der 14-Jährige nicht, ob er den Tag überleben wird. Einen Tag und eine Nacht werden er und zahlreiche andere Flüchtlinge auf dem Mittelmeer umherirren. Zwischen Leben und Tod liegt nichts als ein wenig Luft in PVC-Schläuchen. Schwimmen kann er nicht. „Es war sehr gefährlich“, sagt der gebürtige Somalier, der in Äthiopien aufgewachsen ist, vier Jahre später im Schwimmbad Gliesmarode. Er lächelt. Schwimmen hat er dort gelernt, bei einem Kursus der Naturfreundejugend Braunschweig.

Die Idee, Flüchtlingen ein solches Angebot zu machen, entstand vor zwei Jahren beim Fest Südsee Open Air, erzählt Jan Kiegeland, Jugendbildungs- und Projektreferent bei der Naturfreundejugend. Flüchtlinge, die der Verein eingeladen hatte, hätten sich sehr für das Segeln interessiert. „Das geht aber nur mit Freischwimmer“, so Kiegeland. „Und viele Zugewanderte haben bisher keinen Kontakt zum Schwimmen gehabt.“ So entstand die Idee, einen Schwimmkursus für Jugendliche ab 12 Jahren anzubieten – offen für Menschen mit und ohne Fluchthintergrund.

 

Der Schwimmkursus war zunächst Teil des Projekts „Unter Freunden“, für das die Naturfreundejugend im August dieses Jahres mit dem Niedersächsischen Integrationspreis ausgezeichnet wurde. Nach einer zweijährigen Projektphase ist nun das Folgeprojekt „leben.bewegen.miteinander“ angelaufen, das neben Seminaren, Freizeiten und Fortbildungen für Ehrenamtliche auch den Schwimmkursus fortführt. Wie „Unter Freunden“ wird auch dieses zweijährige Projekt von der Aktion Mensch mit 100 000 Euro gefördert. Der Schwimmkursus wird zudem vom Schwimmsportteam Braunschweig und dem Förderverein Badezentrum Gliesmarode unterstützt. Die Teilnahme kostet einmalig einen Euro. Ein symbolischer Betrag, betont Kiegeland. Rund 50 Teilnehmer haben in der vergangenen Förderperiode am Schwimmkursus teilgenommen, 5 haben ihren Freischwimmer gemacht. „Das wollen wir in diesem Jahr steigern, damit viele im Sommer auch mit dem Segeln beginnen können“, sagt Kiegeland.

 

Begleitet wird der Kursus von Pascal Lau, Schwimmtrainer beim Schwimmsportteam Braunschweig und von Anna Hansen von der Naturfreundejugend. Hansen nimmt unter anderem die Jugendlichen vor dem Bad Gliesmarode in Empfang. „Das ist wichtig, weil jedes Mal neue Teilnehmer kommen könnten, die sich noch nicht auskennen.“ Lau leitet das Schwimmtraining. Er sagt: „Manche Teilnehmer fangen hier bei null an, andere können beispielsweise das Brustschwimmen nicht.“ Fortschritte seien schnell zu sehen. „Die Hemmschwelle, einfach mal ins Wasser zu springen, ist nicht so hoch wie bei Kindern, mit denen ich sonst arbeite.“

 

Für Hamze Abdi bedeuten der Schwimmkursus und das Leben in Braunschweig Sicherheit. „Ich gehe zur Schule, schwimme, spiele Fußball. Es macht Spaß“, sagt er. Seine Familie hat er schon lange vor seiner Flucht über das Meer nicht mehr gesehen. Wo seine sieben Geschwister sind, seine Zwillingsschwester, weiß er nicht. Sein Vater sei inhaftiert worden, weil er mit der äthiopischen Regierung Probleme gehabt habe. Laut der Bundeszentrale für Politische Bildung übt die seit 1991 regierende Koalition der Ethiopian People’s Revolutionary Democratic Front (EPRDF) uneingeschränkte, fast diktatorische Macht aus. Eine Opposition gebe es seit Jahren nicht mehr. Sein Vater und auch Abdi selbst, seien im Gefängnis geschlagen worden, erzählt Abdi und zeigt auf dunkle Male an seinem Körper. Sein Vater sei so stark misshandelt worden, dass er im Krankenhaus an seinen Verletzungen gestorben sei. Als er den Vater im Krankenhaus besucht habe, sei er geflohen, sagt Abdi. Über den Sudan und Libyen nach Italien. Dann nach Schweden. Und nach negativ beschiedenen Asylanträgen in Schweden nun nach Braunschweig, wo eine Cousine von ihm lebt.

 

Kiegeland sagt über die Flüchtlinge: „Jeder hier bringt seine Geschichte mit. Niemand kommt aus Langeweile her.“ Der Schwimmkursus sei auf dem Weg zur Integration ein Baustein. „Es ist ein erster Schritt, um ein mündiger Teil der Gesellschaft zu werden.“